Zur Gegenwart des kulturellen Erbes

Forschungsinhalte

- Welche Varianten eines vermeintlich gemeinsamen kulturellen Erbes gibt es im Ostseeraum?

- Welche Akteure sind an der Definition eines spezifischen kulturellen Erbes beteiligt? Ist die Definition des kulturellen Erbes im Ostseeraum eine Machtfrage?

- Ermöglicht oder blockiert das kulturelle Erbe die Identitäts- und Gemeinschaftsbildung im Ostseeraum? Schafft das kulturelle Erbe gemeinsame Strukturen für die Zukunft des Ostseeraums?

- Wie lässt sich die Gegenwart des kulturellen Erbes sichtbar, begreifbar und für die Forschung verfügbar machen? Wie kann eine digitale Netzwerkstruktur die Vielfalt des kulturellen Erbes im Ostseeraum darstellen, sichern und befördern?


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IFZO @ Kulturlandschaft: Inhalte, Wahrnehmung, Transformation – Das Baltikum in der europäischen Gartenkultur

Claiming Heritage

Die  Arbeitsgruppe 2020 von ICOMOS Deutschland lud am 05.10.2019 nach Berlin unter dem Titel Claiming Heritage zu ihrem ersten Barcamp ein, das sie in Kooperation mit dem DFG-Graduiertenkolleg 1913 Kulturelle und technische Werte historischer Bauten der BTU Cottbus-Senftenberg veranstaltete. Dem Charakter eines Barcamps entsprechend war das erklärte Ziel der Organisatoren mit diesem vergleichsweise neuen und offenen Tagungsformat, andere Themen und Handlungsfelder hinsichtlich der Bedeutung, Anerkennung und Umgangs mit einen immer vielfältigeren Erbe zu diskutieren wie auch Interessierte und Expert*innen aus verschiedenen Gebieten zusammenzubringen.

Wie divers die Interessen der Teilnehmenden waren, wurde bereits in der Vorstellungsrunde der gut besuchten Veranstaltung wie dem anschließenden Sammeln von Ideen für thematische Sessions deutlich. Neben Fragen zur Bedeutung und Anerkennung von Subkulturen als kulturelles Erbe, nach der Vereinbarkeit von Erbe-Status und Nutzbarkeit im urbanen Kontext wie bei World Heritage-Stätten, standen auch praktische Fragen nach dem Erhalt von Kunstwerken der Digital Art, der Nachhaltigkeit denkmalpflegerischer Arbeit bis hin zu konkreten Fragen nach Finanzierungsmöglichkeiten im Raum. Aus diesen Interessenfeldern bildeten sich die insgesamt 12 verschiedenen Workshops.

In einem von diesen wurden dann beispielsweise Projekte des Kieler Vereins Kultur Erben vorgestellt, die sich u.a. der schwierigen Aufgabe der Vermittlung des militärischen Erbes der Stadt in Schulen stellt.

In der Session zu transdisziplinären Perspektiven des Erbes wurde schnell auf die denkmalpflegerische Arbeit mit Denkmalen der Moderne fokussiert. In der weiteren Diskussion zeichnete sich der Wunsch nach einer stärkeren Theoretisierung und methodischen Erweiterung denkmalpflegerischer Arbeit ab, die stärker von Publikationen und Öffentlichkeitsarbeit begleitet werden sollte. Aber auch die Frage, welche Erfahrungen und Annäherung heute mit einem Kulturerbe jenseits einer wissenschaftlichen und denkmalpflegerischen Bearbeitung gemacht werden kann, wurde berührt.

In dem Workshop zur Digitalität wurde dagegen deutlich, dass bei den Teilnehmenden eher ein Interesse an anwenderorientierten Werkzeugen wie beispielsweise Wike-Data im Vordergrund stand, das vor allem für kleine Museen eine Möglichkeit bietet strukturierte digitale Sammlungen ihrer Bestände anzulegen. Hinsichtlich der eigentlichen Fragestellung der Session kristallisierte sich die Finanzierung der langfristigen Archivierung und Restaurierung nicht nur digitaler Kunstwerke sondern auch von Forschungsdaten und damit deren Erhalt als Problem heraus.

Insgesamt gab die Veranstaltung viele Anregungen, die auch für das Cluster Zur Gegenwart des kulturellen Erbes hinsichtlich seiner thematischen Ausrichtung und weiteren Vernetzung von Interesse sind. Vor allem wurde ersichtlich, dass die Vermittlung eines kulturellen Erbes oftmals noch unzureichend erfolgt, jedoch ein zentrales Anliegen  hinsichtlich seiner Akzeptanz und Identifizierung darstellt. Hier gilt es neue Formate zu finden und Stakeholder wie verschiedene Interessengruppen einzubinden.

 

Konferenzbericht

Unter dem Titel Cultural Landscape: Content, Perception, Transformation. The Baltic States in European Garden Culture lud die Böckler-Mare-Balticum-Stiftung zu der Auftaktsveranstaltung ihres zweijährigen Forschungsschwerpunktes vom 14.–17. September 2019 nach Riga ein, die sie in Kooperation mit der Werner Reimers Stiftung (Bad Homburg) und der Lettischen Akademie der Wissenschaften ausführte. Als erste Sondierung des Feldes angelegt, war das Ziel der Konferenz, Experten aus der Gartengeschichte, Denkmalpflege und Kunstgeschichte  aus den entsprechenden Ländern zusammenzuführen, um einerseits einen Überblick über Forschung und Objekte zu erhalten, andererseits Forschungsperspektiven zu eruieren. Entsprechend weitgespannt waren die Themen und Ansätze.

Zwei Vorträge wiesen trotz ihrer unterschiedlichen Zugänge einen einführenden Charakter auf, insofern sie Leitfragen herausstellten, die sich durch die Tagung zogen. Zum einen sind dies die philosophischen Überlegungen Igor Šuvajevs (Riga) zur Kultur als natura naturans und natura naturata, in der sich Erinnern und Vergessen auf vielfältige Weise als geschichtete Landschaften widerspiegeln. Zum anderen zeigte Iris Lauterbach (München) die vielfältigen Ansätze einer historischen Gartenforschung auf mit denen auch das Forschungspotential in Hinsicht auf das Gebiet der baltischen Staaten offenbar wurde. Nachdrücklich betonte sie vor allem aber auch die bedeutsame Rolle der historischen Gärten im Klimawandel.

An die gartenhistorischen Perspektiven knüpften vier weitere Vorträge an. Barbara Werner (Warszawa) stellte das von Izabela Czartoryska verfasste Buch Various Thoughts on Garden Establishing vor und zeigte seinen Einfluß auf die Gestaltung von Gärten des 19. Jahrhunderts wie Łazinki in Warschau auf. Der Vortrag von Agnese Bergholde-Wolf (Marburg) widmete sich dem ersten Gartenbaudirektor Rigas, Georg Kuphhaldt und seinem weitgespannten Engagement bei der Gestaltung von Gärten im Baltikum, der Krim und Berlin. Cord Planning (Bad Muskau) stellte das familiäre Netzwerk der baltischen Adelsfamilie Byron und ihre Gartenneuanlagen als produktiver Moment nach der Abdankung, aber auch Form der Verpflanzung einer baltischen Adelsfamilie vor. Deima Katinaitė (Vilnius) sprach über eine besondere Art des Gartenkabinetts als Ort der Forschung und Sammlung zur lokalen Geschichte anhand der sog. Baubly im Garten von Dionizas Poška/Dionizy Paszkiewicz, das in Form eines ausgehöhlten Baumstumpfs tatsächlich wie metaphorisch in der Geschichte verwurzelt war. Die Rolle des Gartens als Erinnerungsraum erhielt dergestalt eine weitere Dimension. Auf die erinnerungsgeschichtlichen Aspekte ging auch Juan Maiste (Tartu) in seinem Vortrag über Alexander von Keyserling ein.

Über die Vergangenheit und Gegenwart der Bisochomanie als ein Mythos referierte Giedre Mickunaite (Vilnius), dabei seine Transformation von einem Jagdspektakel zu einem Aspekt des Umweltschutzes aufzeigend. Daraus leitet sie auch ihre abschließende Frage ab, wie mit Habitaten umzugehen sei, die nicht auf den Menschen ausgerichtet sind. Die Frage nach dem Stellenwert von Natur im Kontext der Urbanisierung nahm auch Antje Kempe (Greifswald) in ihrem Vortrag auf und diskutierte sie anhand von Neugestaltungen von ehemaligen Hafen- und Industriegebieten im Ostseeraum.

Eine zeitgenössische Perspektive trat auch beim Vergleich der sowjetischen und heutigen Stadtbegrünung in Lettland in der Präsentation von Helena Gūtmane (Jelgava) hervor, neben vielen Unterschieden offenbarte sich als Konstante allerdings die auf Eigeninitiative und Selbstorganisation zurückgehende Gestaltung von kleinen Grünflächen. Ebenso präsentierte Jens Spanjer (Schloß Dyck) mit dem European Garden Heritage Network (EGHN) eine europäische Dimension wie zeitliche Verknüpfung von historischen Gartenanlagen, zeitgenössischen Gärten in der heutigen Wahrnehmung und einer immer wichtiger werdenden Frage des Managements und Vermarktung. Wahrnehmung und Aushandlungsprozesse sahen zuvor bereits Heikki Hanka und Helena Lonkila (Yuvaskyla) in ihrer Vorstellung des Studiengangs Cultural Environments an der Universität von Yuvaskyla als tragende Aspekte des Umgangs mit Kulturlandschaften.  Auf eine andere Art der Vermarktung ging schließlich auch Dalia Klajumienė (Vilnius) ein, in ihren Ausführungen zum commercial gardening in Vilnius des 19. Jahrhunderts, das einen wesentlichen Beitrag zu dem Wandel des Gärtnerns in eine allgemeine Mode leistete.

Fragen zur Erhaltung, Sicherung historischer Bestände aber auch Neunutzung, Anpassung von Gartenanlagen wurden auch während den Besichtigungen von Sigulda, Turaida, Ungurmuiža, Cesis, Rauna und Alūksne diskutiert. Ebenso hob Yannis Kreslin (Stockholm) in seiner kongenialen Zusammenfassung der Tagung die Transformationen von Natur noch einmal hervor, dabei vor allem auf die Vorstellung von Geschichte als Garten zielend.

Deutlich wurde insgesamt, dass die Gartenkunst einen wesentlichen Stellenwert im kulturellen Erbe der baltischen Ländern einnimmt, nach wie vor jedoch innerhalb der Forschung sowohl in der deutschen wie auch baltischen Kunstgeschichte marginalisiert ist. Ausserdem, dass die gegenwärtigen Nutzungsperspektiven der historischen Anlagen stark von nationalen wie ökonomischen Interessen gekennzeichnet sind, die einerseits die verschiedenen  Dimensionen der Übertragung kennzeichnen, andererseits je unterschiedliche Transformationen der Vergangenheit aufzeigen – relevante Aspekte des Clusters Die Gegenwart des kulturellen Erbes.


Workshops

Liste der Workshops des Clusters Zur Gegenwart des Kulturellen Erbes