"Ostsee-Peripetien" ist...

... ein internationales Graduiertenkolleg dreier Universitäten im Ostseeraum – Greifswald, Tartu und Trondheim. Am Kolleg erforschen Doktorand*innen und Professor*innen in einem interdisziplinären Verbund die narrativen Konstruktionen des Ostseeraums mit Hilfe des Konzeptes „Peripetie“.

Als Name für eine Kategorie narrativer Sinnbildung wird der Begriff ‚Peripetie’ erstmals in Aristoteles’ Poetik verwendet. Er bezeichnet dort den Wendepunkt in einer Geschichte, das Ereignis also, in dem deutlich wird, dass das, was in der Welt der Erzählung erwartet wird, anders eintreten wird. Der Ausdruck kann als neutraler Sammelbegriff für Wendepunkte aller Art stehen, für Revolutionen, Reformationen, Katastrophen und tipping points.

Der Forschungsverbund „Ostsee-Peripetien“ will den Peripetie-Begriff nutzen, um die Wahrnehmung des Ostseeraums durch Erzählen und Ereigniskonstruktion

in den Mittelpunkt der Ostseeraumforschung zu rücken. Hierbei geht es weniger um die Wiederbelebung einer Ereignisgeschichte, als um die Hinwendung zum flexibleren Forschungsansatz des narrative turn, der das Erzählen als anthropologische Grundlage für die Aneignung der Welt durch den Menschen versteht. Sowohl fiktionale als auch faktuale Texte produzieren Sinn durch das Herauslösen eines einzelnen Ereignisses aus einem per se unabschließbaren Strom von Geschehnissen. Diese Umwertung eines Geschehnisses zu einem Ereignis mit Wendecharakter bildet das Zentrum eines plots mit einem definitiven Anfang („Was führt zu dem Ereignis?“) und einem definitiven Ende („Welche Konsequenzen hat das Ereignis?“), wodurch Zeit und Raum in sinnvoller Weise segmentiert werden. Die Wahl der Peripetie beeinflusst deshalb unsere Wahrnehmung von Welt und unsere Argumentation, wie in dieser Welt zu handeln sei. Die Peripetie prägt je nach Konstruktion politische Überzeugungen und soziales Handeln, wirtschaftliche Entscheidungen, ökologische und kulturelle Bedeutungsrahmen, etc. Die Peripetie ist der Schlüssel zur Herstellung von Sinnhaftigkeit und zur Erfahrbarkeit der Welt.

Auf dieser methodologischen Basis wird das Kolleg den Ostseeraum auf seine narrative Konstitution hin untersuchen: Welche historisch relevant gewordenen Peripetien bestimmten und bestimmen die Wahrnehmung des Ostseeraums? Wie kann man ihre Wirkmächtigkeit auf die soziale, kulturelle, politische, ökologische und ökonomische Gegenwart und Zukunft des Ostseeraums beschreiben? Existieren verschiedene Peripetien mit je eigenen Effekten nebeneinander? Falls ja, interagieren sie, stehen sie in Konkurrenz zueinander, oder schließen sie sich aus? Und wie muss man das narratologische Konzept „Peripetie“ weiterentwickeln, um es für Regionalstudien fruchtbar zu machen?