Das Eigene und das Fremde im Mittelalter

Vortragsreihe im Wintersemester 2019/20


Bisherige Vortragsreihen

Zeitraum Thema
Wintersemester 2018/19 Zukunft im Mittelalter
Wintersemester 2017/18 Farbiges Mittelalter
Wintersemester 2016/17 Kontinuitäten im Wandel. Praktizierte Frömmigkeit zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit
Wintersemester 2015/16 Rituale im Mittelalter. Inszenierung - Ordnung - Symbolik
Wintersemester 2014/15 Personen – Kult. Prominenz im Mittelalter
Wintersemester 2013/14 Buch – Kultur. Interdisziplinäres zu Schrift und Bild im Mittelalter
Wintersemester 2012/13 Einheit oder Vielfalt im europäischen Mittelalter?
Wintersemester 2011/12 Das Meer im Mittelalter. Raum - Erfahrung - Grenze
Wintersemester 2010/11 Tierisches Mittelalter
Wintersemester 2009/10 Erziehung und Bildung im Mittelalter
Wintersemester 2008/09 Technik im Mittelalter
Wintersemester 2007/08 keine
Wintersemester 2006/07 Hofkultur im Mittelalter und Früher Neuzeit
Wintersemester 2005/06 Natur und Geist. Von der Einheit der Wissenschaften im Mittelalter
Wintersemester 2004/05 Sprache im Mittelalter
Wintersemester 2003/04 Landschaften im Mittelalter
Wintersemester 2002/03 Das Papsttum im Mittelalter
Wintersemester 2001/02 Imagination und kulturelle Praxis im Mittelalter
Wintersemester 2000/01 Medien der Kommunikation im Mittelalter
Wintersemester 1999/2000 Philosophie im Mittelalter. Ihre Ausdrucksformen in Kunst, Wissenschaft, Literatur und Geschichtstheorie
Wintersemester 1997/98 Randgruppen im Mittelalter
Wintersemester 1996/97 Lebendiges Mittelalter
Wintersemester 1995/96 Mittelalterforschung interdisziplinär
Sommersemester 1995 Mittelalterforschung heute

Plakat und Flyer bisheriger Vortragsreihen

2018/19: Zukunft im Mittelalter

Wie Sebastian Brant im 65. Kapitel seines 1494 gedruckten Narrenschiffs ausführt, bestimmte der Wunsch nach Berechenbarkeit der Zukunft mithilfe von Sternenkonstellationen nur allzu sehr den Alltag der Menschen. Aus kirchlicher Sicht praktizierten die vermeintlichen Wahrsager aber Teufelskunst. Nicht der Aberglaube sollte das Leben des Christen bestimmen, sondern allein sein Vertrauen auf Gott. Der christliche Glaube war bestimmt von der eschatologischen Erwartung, dass Gott nicht nur über das Weltgeschehen, sondern beim Jüngsten Gericht auch über das jenseitige Schicksal des Menschen entscheidet. Umso bedeutsamer war somit die Vorbereitung des Menschen auf den Tod. In dieser Spannbreite zwischen Zukunftshoffnung, imaginierten Zukunftskonstruktionen und Zukunftsangst, verbunden mit Visionen vom Jüngsten Gericht, werden die Vorträge mittelalterliche Zukunftsvorstellungen in Schrift und Bild aus den Bereichen von Kunst, Religion, Literatur und Geschichte behandeln.

Die Vortragsreihe des Mittelalterzentrums der Universität Greifswald wird gefördert von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, Essen.

5. November 2018: PD Dr. Susanne Knaeble
Planen und Entscheiden. Zukunftskonzepte in frühen deutschsprachigen Prosaromanen

Zeit ist für Erzählen essentiell: Die Art und Weise, wie literarische Erzählungen funktionieren, ist ganz wesentlich davon beeinflusst, welche Zeitvorstellun-gen in den Texten entworfen sind. Diese Zeitvorstel-lungen sind zugleich einem soziokulturellen Wandel unterworfen. Das bedeutet, Zeit ist historisch gese-hen ganz unterschiedlich verstanden worden. So mag z.B. heute die Vorstellung, dass ein mittelalterlicher Held keine Zukunft nach unserem Verständnis kennt, zunächst befremdlich erscheinen. Doch der Platz, den sich der mittelalterliche Held erkämpfen muss, ist ihm stets vorherbestimmt – sei es durch Geburt, durch Schicksal oder Gott. Die mittelalterlichen Er-zählungen kennen daher nicht die Vorstellung einer ‚offenen Zukunft‘, d.h. eines unbestimmten Zeitrau-mes, den es mit Plänen, Wünschen, Kalkulationen usw. zu füllen und zu gestalten gilt. Es ist noch nicht einmal das Wort ‚Zukunft‘ in Gebrauch, denn das mittelhochdeutsche und auch noch das frühneuhoch-deutsche zuokunfft oder kunfft bezeichnet vielmehr die ‚Ankunft‘, d.h. den Eintritt eines vorherbestimmten Ereignisses. Doch an welcher Stelle und auf welche Art und Weise tritt in der Literatur hierbei ein Wandel hin zu einer ‚offenen Zukunft‘ ein? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich auf die Suche danach machen, wie mit dem Ungewissen umgegangen wird, und untersuchen, ob und woran sich ein Gestaltungs-wille des Möglichen, Noch-Nicht-Seienden festma-chen lässt. Die in den frühen deutschsprachigen Prosaromanen entworfenen Szenen des Planens und Entscheidens der Figuren können hierbei als Schlüs-selstellen für den Entwurf von aktiver Zukunftsgestal-tung verstanden werden.

19. November 2018: Prof. Dr. Gerhard Weilandt
Der Kaiser und die Teufel. Die Seelenwägung Kaiser Heinrichs II. in Kirichen auf Gotland

Der Vortrag befasst sich mit einigen ungewöhnlichen Darstellungen auf Wandmalereien in den gotländischen Kirchen. Es handelt sich um die Seelenwägung Kaiser Heinrichs II., ein Bildthema, das nach 1500 in der Umgebung Bambergs, wo Heinrich II. bestattet und als Heiliger verehrt wurde, populär war, zuvor jedoch nur auf Gotland vorkommt, und zwar schon im 13. und 14. Jahrhundert. In Franken gibt es aus dieser frühen Zeit keine Bildüberlieferung. Es scheint, als sei die ikonographische Tradition der Seelenwaage Heinrichs II. auf Gotland entstanden, obwohl es hier keine intensive kultische Verehrung des Kaisers gab. Es gilt, das merkwürdige Phänomen zu erklären, warum während des Hoch- und Spätmittelalters im Zentrum der Heinrichsverehrung die Darstellung seiner Seelenwägung noch unbekannt war, während es weit entfernt auf Gotland gleich mehrere Darstellungen gibt. Als Quelle kommt keine tradierte Ikonographie in Frage. Vielmehr müssen die Künstler der frühesten Denkmäler direkt aus den Schriftquellen geschöpft haben, die kurz vor den ersten Darstellungen verfasst wurden.

3. Dezember 2018: Dr. Anita Sauckel (University of Iceland)
Zukunftsangst in der altisländischen Brennu-Njáls saga

Zu den wesentlichen Erzählelementen der altislän-dischen Brennu-Njáls saga („Die Geschichte vom verbrannten Njáll“) zählen Vorahnungen in Form von Träumen, Prognosen und Warnungen. Im Zentrum der Handlung steht der Titelheld der Saga, Njáll Þorgeirsson, ein Rechtsgelehrter und Seher. Er erteilt anderen Figuren juristische Ratschläge, die er nicht selten mit einer Zukunftsprognose in Bezug auf einen möglichen Erfolg oder Misserfolg ihres Anliegens versieht. Mit seinem „guten Rat“ und seinem Wissen um künftige Ereignisse schürt der Protagonist aller-dings auch Zukunftsängste: Der Vortrag geht der Frage nach, um welche Ängste es sich dabei handelt, mit welchen literarischen Mitteln diese zum Ausdruck gebracht werden und welche Auswirkungen diese auf den Handlungsverlauf und das Schicksal der Figuren haben.

Brennu-Njáls saga, Handschrift aus dem Möðruvallabók (Das Buch von Möðruvellir, ca. 1350)
Ansicht eines bedeutenden Sagaschauplatzes: der Ort Hlíðarendi (im Hintergrund der Vulkan Hekla)
Retabel (Hauptschrein), Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Wolfgang, St. Wolfgang/Salzkammergut

7. Januar 2019: Prof. Dr. Susanne Wegmann (TH Köln)
Die Schau ins Künftige. Bilderrealitäten an spätmittlelaterlichen Altarretabeln

Wie kaum ein anderes Medium ist das spätmittelalterliche Flügelretabel geeignet, dem Betrachter aus der Gegenwart eines diesseitigen Betrachterraums eine Schau ins jenseitige, künftige Gottesreich zu ermöglichen. Die Wandlung des Retabels inszeniert eine Enthüllung und Verhüllung dessen, was dem Gläubigen versprochen, aber seinen Augen noch entzogen ist. Am Altarretabel von St. Wolfgang am Wolfgangssee – an dem Retabel, das im Zentrum des Vortrags stehen wird – bietet Michael Pacher alle Mittel seiner Kunst auf, diese Schau in das Künftige zur gegenwärtigen Realität werden zu lassen. Die illusionistische Überzeugungskraft, mit der der Betrachter die Gegenwart der göttlichen Trinität erfährt, wird jedoch zugleich selbstreflexiv als Werk eines Künstlers markiert und damit an Bilddiskurse angebunden, die den christlichen Bildgebrauch von Anbeginn bestimmen.

21. Januar 2019: Prof. Dr. Klaus Oschema (Ruhr-Unviersität Bochum)
Die Zukunft der ganzen Welt. Spätmittlelalterliche Judicia anni und die Ordnung des Wissens über die Zukunft

Die jüngst intensivierte Erforschung spätmittelalterlicher Zukunftsvorstellungen fokussiert häufig auf Texte und Quellen, die den Blick auf religiös aufgeladene Motive lenken. Dabei geraten insbesondere Praktiken der individuellen und kollektiven Vorsorge für das Seelenheil in den Fokus, oft in Ausrichtung auf das biblisch beschriebene Ende der diesseitigen Welt. Erst in den letzten Jahren bemüht sich die Forschung verstärkt, innerweltliche Zukunftsvorstellungen der Vormoderne zu fassen. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf der Entstehung des Gedankens von Planbarkeit und Risiko, aber auch solcher Praktiken wie der Vorsorge und der Versicherung.
Dem gegenüber will dieser Vortrag einen Bereich in den Fokus rücken, der unmittelbar auf die Produktion von Wissen über die Zukunft ausgerichtet ist, aber von der Forschung weithin vernachlässigt wird: astrologische Texte. Einen beispielhaften Einblick eröffnen die sogenannten «Judicia anni» (oder Jahresprognostiken), die insbesondere im 15. Jahrhundert weit rezipiert wurden und zu den frühesten gedruckten Texten gehören. Judicia anni sind als «Gebrauchsliteratur» einzuschätzen, deren Inhalt zukünftige Ereignisse und Entwicklungen prognostiziert. Wenngleich sie damit der Geschichtswissenschaft, anders als Chroniken oder Urkunden, nicht als unmittelbare Lieferanten von Information über Geschehenes dienen können, eröffnen sie doch reichhaltige Einblicke in die Vorstellungswelten der betreffenden Zeit: Wie nahm man die Welt wahr? Welche Orte, Institutionen und Gegenstände betrachtete man als wichtig genug, um einschlägige Prognosen abzugeben? Welche Vorstellungen, Erwartungen und Ängste hatte man gegenüber der Zukunft?
Der Vortrag möchte zunächst die Relevanz dieser Fragestellungen aufzeigen, um dann an ausgewählten Beispielen exemplarische Einblicke in die Struktur und Inhalte dieser bislang kaum bearbeiteten Texte zu geben.